Cutout #1

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EIN AUSSCHNITT EINER SZENE

Richard war eingekesselt. Der Tunnel wurde nach und nach von beiden Seiten blockiert. Polizeiwagen stellten sich quer. Ein Hubschrauber senkte sich am südlichen Ausgang und suchte mit dem Scheinwerfer die Straße ab. Hastig zuckte der Schein von Wagen zu Wagen. Mehrere Fahrer hupten und blieben wiederwillig stehen. Einer sprang aus seinem Auto, gestikulierte wild und schrie etwas, worauf Rolands Stimme über die Lautsprecher des Diensthubschraubers erklang: »Setzen Sie sich sofort wieder in Ihren Wagen!«

Richard sah, wie der Mann zusammenzuckte und sofort gehorchte. Auch er verspürte für einen kurzen Moment den Drang, wieder in sein Auto zu steigen. Doch wenn er sich fügen würde, wartete die Gaskammer am Ende dieses Weges auf ihn. Und der wahre Mörder seiner Frau würde weiterhin auf freiem Fuß leben. Ohne jemals die Konsequenzen dafür tragen zu müssen. Und vor allem ohne jemals Richards Rache zu spüren.

Und so drehte er sich herum, suchte fieberhaft die gerundeten Wände ab und fand eine Tür, die mit einem Warnschild versehen war, auf der ein Blitz abgebildet war.

»Richard Louis, kommen Sie heraus!«

Richard fuhr herum. Ein Schatten bewegte sich im Scheinwerfer des Hubschraubers, der zur Landung ansetzte.

»Richard Louis!« Der Schatten ragte beide Hände in die Luft. »Ich bin unbewaffnet!«

Richard schnaubte verächtlich aus, wirbelte herum und hastete sofort auf die Tür zu. Da stiegen weitere Polizisten aus ihren Wagen am nördlichen Ende. Alle hielten ihre Pistolen hoch und zielten ins Dunkle. Noch war Richard unsichtbar für sie. Doch sobald er sich der Tür näherte, sah es bereits anders aus. Keuchend stieg und sank sein Atem. Wohin sollte er nun fliehen? Alle Ausgänge waren versperrt, die Tür unerreichbar geworden.

»Mr. Louis, kommen Sie heraus!«

Richard schluckte und kroch hinter den Fahrzeugen tiefer in den Schatten des Tunnels, als sein Blick einen Gullydeckel neben sich schweifte.

Sein Herz schlug schneller und ohne lang zu überlegen stürzte er darauf zu, klappte den Deckel hoch, der so breit war, dass gleich zwei ausgewachsene Männer hindurchmüssen würden, und sprang hinein. Es war nicht tief, doch der Schmerz als er aufkam, zog seine Beine hoch, genau wie das Wasser, in dem er nun knietief saß. Er stöhnte auf, als über ihm der Deckel wieder zuknallte. Erschrocken blickte er hinauf. Wartend krochen die blauen Warnlichter der Polizei hinter dem Gullydeckel die Decke entlang. Richard atmete auf. Doch auch wenn dies ein gutes Versteck zu sein schien, durfte er hier nicht verweilen. Er musste einen Ausgang finden.

Er blickte nach rechts, wo sich der Tunnel in tiefer Schwärze verlor, dann nach links, wo sich der Gang gabelte. Er ließ sein Gefühl entscheiden und wandte sich nach links. Rechts im Schatten zu verschwinden, wäre zwar schlauer gewesen, sagte ihm sein Verstand. Doch in letzter Zeit durfte er seinem Verstand nicht trauen. Reines Glück hatte ihn so weit kommen lassen. Oder auch göttliche Fügung hat ihn aus seinen Ketten und dem Bus befreit, der ihn direkt in die Todeszelle überführen sollte. Also vertraute er auch weiterhin darauf und folgte der rechten Gabelung. Aber nicht ohne vorher seine Jacke abzustreifen und diese in die linke Gabelung zu werfen. Auch wenn er bezweifelte, dass die Bullen schlau genug waren, ihn hier unten zu vermuten, so war es dennoch keine schlechte Idee, eine falsche Fährte zu setzten.

Der Tunnel führte ihn scheinbar immer weiter fort von der Unterführung. Denn er hörte das Wasser immer lauter rauschen. Ein unbehagliches Kribbeln arbeite sich seinen Rücken hinab, der von seinem Schweiß nass war. Schließlich war er sich genau bewusst, wo er sich aufhielt und wohin manche dieser Verzweigungen ihn führen könnten. Dennoch konnte er jetzt weder an diesem Ort verweilen, noch zurückgehen. Also hastete er weiter, da hörte er jemanden rufen: »Ich denke, er ist hier lang!«

»Verflucht!«, zischte Richard und stampfte schneller durch das modrige Wasser, in dessen Schlamm und Laub seine Füße immer wieder versanken. Er konnte nur hoffen, dass es das Vorankommen seiner Verfolger ebenso behinderte wie ihn.

»Hier! Ich hab etwas gehört!«

Richard keuchte, als er seine Kräfte nochmal mobilisierte und schneller vorstieß, worauf bei seinem nächsten Schritt seinen Schuh im Wasser stecken blieb und ihn nur noch die Socke von dem Wasser schützte. Doch er sah nicht zurück, er blieb nicht stehen, er begann nicht zu humpeln. Er hastete einfach weiter.

»Richard!«

Es war Rolands Stimme. Richard erkannte sie sofort wieder. »Richard, bleiben Sie stehen!«

Doch Richard dachte nicht eine Sekunde daran und sprang in die nächste Abzweigung, aus der Tageslicht strömte.

»Richard!«

Immer wieder rief Roland seinen Namen, als ob das zu einem plötzlichen Sinneswandel führen und ihn zum Umkehren bewegen würde.

»Richard!«

Richard blickte zurück. Dieses Mal klang seine Stimme ganz nah. Doch er konnte ihn noch nicht sehen. Also rannte er weiter. Dabei wurde ihm klar, dass nicht einmal eine Waffe, die auf ihn gerichtet war, ihn jetzt noch aufhalten könnte. Und so hastete er weiter, folgte dem Tunnel um die nächste Kurve und schreckte zurück.

Vor ihm endete der unterirdische Gang. Doch weder eine Leiter führte ihn nach oben, noch versperrte ihm eine Tür den Weg.

Nein, es war ein riesiges Loch.

Der Tunnel endete, indem seine Wände und der Boden einfach aufhörten zu existieren.

»Richard!«

Richard zuckte zusammen und sah über seine Schulter.

Dort stand Roland, United States Marshall. Mir Befugnissen, die weiter über die eines einfachen Polizisten hinausreichten. Doch diese brauchte er hier nicht einmal zum Einsatz bringen. Die Magnum in seiner Hand reichte völlig aus, um seinen Auftrag zu Ende zu bringen.

Richard sah wieder nach vorn, wo das Wasser in einer rauschenden Masse den Staudamm hinabstürzte.

»Richard, es ist vorbei!«

»Ich habe meine Frau nicht ermordet!«, rief Richard, ohne seinen Blick von dem Hang abzuwenden. Er war schlau genug, um zu wissen, dass seine Chancen eins zu einer Million lagen, wenn er den Sprung wagte.

»Das ist mir scheißegal!«

Richard blickte nochmals zurück, wo Agent Roland ihn mit starrem Blick fixierte. Die Waffe lag ruhig in seinen Händen, als ob kein Tag verging, an dem er nicht einem Flüchtling nachjagte. Richard rechnete seine Chancen aus, wenn er vor Roland auf die Knie fiel und sich ergab. Diese lagen so niedrig, dass es keine Zahl mehr dafür gab. Denn er würde mit tausend prozentiger Sicherheit hingerichtet werden.

»Kommen Sie, Richard.«

Richard schüttelte kaum merklich den Kopf.

»Sie haben keine andere Wahl, wenn Sie noch ein wenig leben wollen. Also auf die Knie mit Ihnen und Hände hinter den Kopf.«

Richard legte die Hände hinter den Kopf.

»Und jetzt auf die Knie!«

Richard zögerte. Das Wasser strömte so laut. Oder war es das Rauschen seines eigenen Bluts?

»NA LOS! AUF DIE KNIE!«

Richard knickte mit einem Bein ein, aber nicht um in die Knie zu gehen, sondern um einen Schritt vorwärts zu tun. Seinen womöglich letzten Schritt. Aber diesen immerhin zu seinen eigenen Bedingungen.

»Ich liebe dich, Lorelei«, flüsterte er und spürte, wie das Nichts seinen Fuß nach unten zog, ehe sein Körper ihm folgte und die Schwerelosigkeit ihn packte.

»NEIN! Richard, tun Sie …« Rolands Stimme klang plötzlich heiser und verlor sich schließlich rasch in dem tosendem Wasser.

Richard hielt automatisch den Atem an, doch das Wasser ließ sich Zeit. Langsam fiel er tiefer, während die Bilder seiner Frau vor seinem inneren Augen abliefen. Wie sie sich über ihn beugt und ihn auf die Stirn küsst. Wie sie ihn anlächelt, als er einen blöden Witz macht. Und wie sie in ihrem eigenen Blut liegt, die bleichen Augen zur Decke gerichtet.

FLUSCH!

Das Wasser packte ihn und zog ihn hinunter. Es ist vorbei. Endlich.

Er ist frei.

Anmerkung der Autorin:
Na, welche Szene habe ich hier in meinen Worten niedergeschrieben? Hier habe ich mich tatsächlich von einem Film inspirieren lassen. Als Übung kann ich das jedem angehenden Schriftsteller empfehlen.

© Patrizia K. Werner 2024

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Dies ist eine fiktive Geschichte, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.