Kreatives Schreiben – Tag 1

Kreatives Schreiben – Tag 1

Jules zupfte an dem losen Faden, der an der Naht ihrer Hose heraustrat. Sie nahm es zwischen die Finger und drehte immer wieder daran. Sie könnte es rausziehen? Zwei Möglichkeiten bestanden, was dann passieren würde. Entweder löste sich der Faden, wie bei einer billigen Hose oder sie verschlimmerte das Ganze nur noch und reißt ein Loch in ihre Hose. Nervös blickte sie auf, zwirbelte den Faden ein wenig weiter und nahm einen Zug von ihrer Zigarette. Die Asche krümmte sich bereits. Doch anstatt abzuaschen, nahm sie noch einen zweiten tiefen Zug. Das rächte sich, die Asche fiel herab und landete auf ihrem rechten Hosenbein.

 Abrupt sie sprang auf. »Verflucht! Nicht auch das noch!« Wütend strich sie die Asche von dem schwarzen Stoff, wobei sie graue, pudrige Streifen hinterließ. »Warum passiert mir das immer!?« Nicht nur, dass diese Hose zu ihrem einzigen eleganten Kostüm in ihrem Kleiderschrank zählte und sie sich ohnehin schon unwohl in diesem Outfit fühlte, standen jetzt zu allem Überfluss auch noch lose Fäden davon ab und wurde durch Aschestreifen verunziert. Immer noch fluchend, zog sie ihre Tasche zu sich heran, die sie neben sich auf die Bank abgestellt hatte. Dort kramte sie nach einem Taschentuch herum. Doch erst als Jules den gesamten Inhalt durchwühlt hatte, fiel ihr ein, dass sie die Taschentücher in einem Anflug von nachhaltigem Minimalismuswahn aufgebraucht und keine neuen besorgt hatte. »Ich könnte mich ohrfeigen!« Sie nahm einen letzten Zug von ihrer Zigarette, verzog das Gesicht und zischte. Ihre Zigarette war bis auf den letzten Rest Tabak aufgeraucht und der Filter brannte heiß zwischen ihren Lippen. Angewidert schnipste sie den Stummel weg und hustete. Ein Auto hupte auf dem Parkplatz, der sich hinter ihr erstreckte und sie blickte auf. Sie war immer noch allein auf dem Hinterhof der Agentur, wo sich höchstwahrscheinlich die Angestellten zu ihrer Mittagspause trafen. Hier lösten sie dann ihre Anspannungen und unterdrückten ihren Hunger, indem sie eine Zigarette nach der anderen rauchten. Jules sah auf ihre teure Armbanduhr. Es war zehn vor acht Uhr morgens. Am besten sie machte sich jetzt auf den Weg nach oben. Schließlich kannte sie sich in dem Gebäude nicht aus und sie wollte auf keinen Fall zur richtigen Zeit im falschen Gang stehen. Zu spät zu kommen, würde kein gutes Licht auf sie werfen und wie ihre Mutter immer sagte, war der erste Eindruck entscheidend. Mit der Hand wischte sie noch einmal über ihre Hose, doch sie verschmierte die Asche nur noch mehr. Vielleicht würde noch Zeit übrigbleiben, die Waschräume aufzusuchen. Mit warmem Wasser würde sie es schon wegbekommen.

Jules umrundete den Platz und trat durch den Haupteingang hinein. Die Rezeptionistin blickte kurz auf und vertiefte sich dann wieder in ihrer Cosmopoliten. Gut, dachte Jules. Jeder Wortwechsel würde sie jetzt nur noch nervöser machen. Und da sie wusste auf welche Etage sie erwartet wurde, brauchte sie auch kein Gespräch anzufangen. Schnell ging sie an der Rezeptionistin vorbei, die ihr keinerlei Beachtung schenkte und betrat den Aufzug, der seine Pforten im richtigen Moment öffnete. Ihr Herz schlug unaufhörlich schneller, als sie auf den Schalter mit der Nummer fünf drückte und die Türen sich schlossen. Laut atmete sie durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Normalerweise half es ihr, die Spannungen zu lösen. Doch heute brachte es nichts. Mit einem Ping hielt der Aufzug an und entließ Jules auf der fünften Etage.

 »Sind Sie Jules Carver?« Eine rundliche Frau, die ihr kaum bis zum Kinn reichte, trat auf sie zu. In ihren Händen hielt sie einige beige Akten. 

Jules schluckte, ehe sie antwortete. »Ja, die bin ich«

»Dann folgen Sie mir bitte. Mr. Reider erwartet Sie bereits.« Die Frau musterte Jules von oben bis unten und verzog den Mund, als sie an ihrem Hosenbein ankam. 

Hektisch begann Jules abermals über die Asche zu wischen. Gab aber schon nach wenigen Sekunden frustriert auf. 

Kaum zehn Schritte und eine Abbiegung weiter, blieb die rundliche Frau stehen und deutete mit einer einladenden Geste auf eine zweiflügelige Tür am Ende des Flures. »Raum fünfundvierzig«, sagte sie zu Jules, drehte sich um und verschwand wieder. Scheinbar hatte sie nicht vor, Jules die Tür zu öffnen. Jules war das aber egal. Das einzige, was sie beschäftigte war die Frage, was sie hier nur verloren hatte? Sie war eine renommierte Journalistin gewesen. Readers Digest war eins der bekanntesten Magazine gewesen, für die sie gearbeitet hatte. Sie war angesehen. Sie wurde beneidet. Sie wurde, ja, sogar gefürchtet. Doch nur ein kleiner Fauxpas hatte gereicht und sie hatte innerhalb einer Nacht alles verloren. Das war nun Monate her, keine Zeitung oder Magazin wollte sie mehr und ihre Ersparnisse hatte sie aufgebraucht. Jetzt blieb nur noch der Gang zur Suppenküche oder ein Job als Sekretärin. Sie atmete tief durch und versuchte ihre Schultern zu lockern. Sie wollte auf keinen Fall einen geknickten Eindruck hinterlassen. Ja, wenn es nötig war, würde sie mit Stolz die Memos ihres zukünftigen Chefs abtippen, die Akten sortieren und auch den Kaffee servieren. Sie würde sich von den aktuellen Umständen nicht unterkriegen lassen. Oh nein, dachte Jules. Mich wird das Leben nicht ficken! 

Anmerkung der Autorin:
Heute ist der erste Tag meiner „365 Tage – Kreatives Schreiben – Challenge“. Denn manchmal fehlt mir die Motivation zu schreiben oder ich weiß einfach nicht, wie ich anfangen soll. Also habe ich entschieden, einen persönlichen Wettbewerb daraus zu machen. Dabei geht es nicht darum, besonders viel oder außerordentlich gut zu schreiben. Es geht mir nur darum, mich jeden Tag etwa eine Stunde hinzusetzen und zu schreiben, was mir gerade einfällt. 

Ich schreibe also einfach los und sehe, wohin es mich führt.

© Patrizia K. Werner 2019

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Dies ist eine fiktive Geschichte, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.