Kreatives Schreiben – Tag 101

Kreatives Schreiben – Tag 101

»Hey Opa!«

Reynold blickte abrupt von seinem Kreuzworträtsel auf. Seine Brille war seinen Nasenrücken heruntergerutscht und mit seinem weißen Haar und dem Bart dazu sah er mehr den je wie Albus Dumbledore aus. Nur dass der Schuldirektor aus Harry Potter selten die Ruhe verlor. Was auf Reynold nicht zutraf. Als er nun direkt in den Lauf eines abgesägten Gewehrlaufs blickte, setzte sein Herz beinahe aus.

»Steh auf und mach die Kasse auf!«, befahl ihm der junge Mann, dessen linke Seite seines Kopfes abrasiert war, während auf der rechten Seite sein strähniges schwarzes Haar bis auf die Schulter hing.

Reynold starrte ihn an, als ob er eine exotische Art aus dem Dschungel wäre.

»Hast du nicht gehört?« Der junge Mann trat näher an ihn heran, bis der Lauf fast Reynolds Nasenspitze berührte. »Du sollst die Kasse aufmachen!«

Reynold schluckte. Sein Rätselheft fiel ihm aus seinen zittrigen Händen und er nickte zögernd. Es war nicht das erste Mal, dass man ihn mit einer Waffe bedrohte. In seinem Kiosk, den er seit mittlerweile fünfunddreißig Jahren betrieb, wurde er schon achtzehn Mal mit einer Pistole, zwei Mal mit einem Gewehr, dreizehn Mal mit einem Messer und einmal sogar mit einem Gummihuhn bedroht. Letzteres war natürlich nicht beängstigend. Aber all die anderen Male hatte er sich beinahe in die Hosen gemacht. Je älter er wurde, wurde es auch umso schwerer, seine Blase daran zu hindern, sich zu entleeren.

»Na los!«

Reynold nickte erneut, hob die Hände und schritt langsam zur Kasse. Es war spät am Abend und für gewöhnlich brachte er die Tageseinnahmen gegen acht Uhr zum Tresor im Hinterzimmer, bevor er mit der Spätschicht begann. Eben, um so wenig wie möglich zu verlieren, wenn mal wieder einer von diesen Junkies oder verzweifelten Arbeitslosen hereinkamen und dachten, dass sie sich einfach an dem Geld eines hartarbeitenden Mannes bedienen könnten. Doch ausgerechnet heute hatte er nicht daran gedacht. Schließlich war Sonntag und bei dem schlechten Wetter draußen war es so ruhig wie schon lange nicht mehr gewesen. Dennoch hatte er genug eingenommen, dass es ihn schmerzte, als er die vielen Scheine in seiner Kassenschublade sah.

»Na los! Beeil dich!«, stieß der junge Mann aus und sah sich nervös zu allen Seiten um, als er die Kamera entdeckte, die direkt auf den Kassenbereich zeigte. »Verflucht!« Mit einem Klacken entsicherte er das Gewehr und keine Sekunde darauf dröhnte ein Schuss durch den vollbepackten Kiosk. Die Kamera zersprang in mehrere Teile, die mit den zerfetzten Zigarettenverpackungen hinter der Kassentheke zu Reynolds Füßen regneten. Reynold selbst war dermaßen zusammengezuckt, dass er die Scheine hatte fallen lassen.

»Das machst du doch mit Absicht!«, schrie der Mann und richtete den Lauf, aus dem noch ein leichter Dunst quoll, wieder auf Reynold.

»Ich … es tut …«, begann Reynold vorsichtig, doch seine Stimme brach wieder ab, als jemand draußen hell aufschrie.

Anmerkung der Autorin:

Ich übe gerade noch, die unterschiedlichsten Charaktere zu gestalten. Denn es gibt doch nichts schlimmeres als gleiche Menschen, die auch alle gleich denken und gleich aussehen.

© Patrizia K. Werner 2019

Alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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