Kreatives Schreiben – Tag 104

Kreatives Schreiben – Tag 104

Als Bridget wenige Stunden später an ihrem Schreibtisch saß, ging sie zum gefühlten zehnten Mal die Akten von dem letzten Opfer durch. Ein goldener Koffer, scheinbar selbst gebaut. Die Messungen hatten ergeben, dass der Koffer nicht nur vergoldet, sondern zu hundert Prozent aus Gold bestand. Sein alleiniges Gewicht betrug dadurch um die fünfzig Kilo.

Bridget schloss ihre brennenden Augen und rieb sich die Schläfen. Gold. Wenn irgendwo so viel Gold gestohlen worden wäre und nun fehlen würde, würde es doch auffallen. Also müsste es sein eigenes Gold sein. Bei mittlerweile fünf Opfern, müsste derjenige also alles andere als mittellos sein. Das grenzte den Täterkreis zwar deutlich ein. Doch es waren immer noch genug, um Bridget Monate, wenn nicht sogar Jahre damit zu beschäftigen. Und wenn sie etwas nicht hatte, dann war es Zeit.

Sie ächzte und stand auf. Mit müden Beinen schlurfte sie in die Küche und setzte sich Wasser für einen Kaffee auf. In ihrem Kopf kreiste dabei die Antwort des Chemikers herum, der ihr erklärt hatte, dass Gold das einzige Element sei, das dem Säurecocktail, in dem die Opfer aufgelöst wurden, standhalten würde. Nur deshalb verwendete er Koffer aus Gold. Es hatte also wahrscheinlich weniger eine Bedeutung für ihn, als Bridget zu Anfang angenommen hatte. Es war viel mehr eine Notwendigkeit, wenn er das, was von seinen Opfern zurückblieb, transportieren wollte. Und das wiederum war ihm wichtig. Das war eine Signatur. Er wollte, dass seine Opfer gefunden werden. Er wollte, dass alle Welt sieht, was er kann. Und vor allem wollte er, dass Bridget sie fand. Doch zu welchem Zweck? Wollte er ihr damit Angst machen? Erregte es ihn? Nach der weiträumigen Absperrung der Tatorte, oder vielmehr Ablegeorte, war es doch unwahrscheinlich, dass er sie und ihre Reaktion auf seine Präsente, wie er sie nannte, sah. Also war es vielleicht einer von ihren Kollegen?

Bridget verwarf den Gedanken wieder. Keiner von ihnen besaß so viel Geld, um sich so viel Gold leisten zu können. Und wenn er es täte, würde er sicherlich nicht für diesen Hungerslohn und zu diesen ausbeuterischen Arbeitszeiten arbeiten.

Es musste aber eine Möglichkeit für ihn geben, wie er sie beobachten konnte. Nur dann machte es auch Sinn, warum er sich bei der Ablage seiner Opfer noch immer so viel Mühe gab. Doch wie schaffte er das nur?

Bridgets Schläfen schienen zu pochen und kein klarer Gedanke schaffte es mehr an die Oberfläche. Alles war nur noch schwer zu fassen und wirkte verschwommen. Vielleicht sollte ich doch versuchen, ein wenig zu schlafen, überlegte sie, als der Wasserkessel zu pfeifen begann. Sie schaltete die Herdplatte aus und zog den Kessel vom Herd. Die Tasse stellte sie zurück in den Schrank und drehte sich zum Gehen um, als es plötzlich draußen knallte, als ob jemand einen Pistolenschuss abgegeben hätte.

Anmerkung der Autorin:

Das ist Teil meiner Thrillerserie, die ich plane.

© Patrizia K. Werner 2019

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Dies ist eine fiktive Geschichte, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.