Kreatives Schreiben – Tag 43

Kreatives Schreiben – Tag 43

»Komm schon, du Memme! Beeil dich!« Das Licht von Kevins Taschenlampe schwenkte von links nach rechts und beleuchtete dabei den fast zwei Meter hohen Drahtzaun, der vor der bröckelnden Mauer des Wilson-Hauses aufgestellt wurde. Normalerweise sollte dieser Zaun die Kinder davon abhalten in das Haus zu gehen. Doch das lockte nur noch mehr von ihnen an.

»Kevin, ich weiß nicht, ob ich wirklich mitkommen will. Meine Mama hat …«, begann Charlie, als Liam vortrat, ein schlaksiger Junge mit einer Brille, desen Gläser so dick wie sein Finger waren.

»Deine Mama merkt schon nichts, Charlie. Du bist wieder im Bett, bevor sie mitbekommen hat, dass du weg warst«, erklärte er seinem Freund in einem beruhigenden Ton.

»Und jetzt komm schon«, drängte Kevin im Hintergrund und drehte sich mit seiner Taschenlampe zu dem Haus um. Die Wände wirkten, wegen dem Schimmel, der die Holzbalken angegriffen hatte, beinahe schwarz. Die Fenster waren nur noch riesige Löcher, da das Glas mit Steinen zerschlagen wurde und die Tür war mit frischen Brettern vernagelt worden.

»Na, toll. Und wie sollen wir da jetzt hineinkommen?«, keuchte Charlie, nachdem er den Zaun überwunden hatte. Er war im Gegensatz zu den anderen nicht der leichteste. Seine Mutter sagte immer, er hätte nur schwere Knochen. Dann gab sie ihm ein Muffin oder Donut, um ihn wieder aufzumuntern, wenn die anderen Kinder ihn mal wieder ausgelacht hatten. Doch Charlie wusste, dass sein Übergewicht von dem Essen kam. Er konnte aber dennoch nicht aufhören. Was die Küche seiner Mutter, die Eisdiele am Ende der Straße oder der Supermarkt um die Ecke zu bieten hatten, war einfach zu unwiderstehlich.

»Wir steigen durch die Fenster ein, ist doch klar«, antwortete Kevin und ging los.

»Durch die Fenster?«, schnaubte Charlie, der gehofft hatte, dass die Kletterei mit dem Überwinden des Zauns vorbei gewesen wäre.

»Ach, so hoch sind die nicht. Höchstens einundeinhalb Meter«, beruhigte ihn Liam.

»Na los, Leute«, rief Kevin über die Schulter, als die beiden sich erst nicht rühren wollten.

»Sind die anderen auch durch die Fenster geklettert?«, fragte Charlie, als sie zu Kevin aufschlossen.

»Ne, die haben die Tür genommen«, erwiderte Kevin.

»Die Tür?«

»Ja, was meinst du, warum die jetzt mit Brettern vernagelt ist?« Vorsichtig legte Kevin seine Taschenlampe auf dem Fensterbrett ab, als eine Windböe in einem eigenartig hellen Ton durch das Loch heulte und die alten Bretter des Hauses ein tiefes Knacken von sich gaben. Alle drei Jungen zuckten zusammen.

Mit weit aufgerissenen Augen sahen sie sich an, als Kevin, als Erster zu lachen begann. »Das war doch nur der Wind!«

»Hör auf damit, du bist schließlich auch zusammengezuckt«, mahnte ihn Liam.

»Ja, aber ihr noch viel mehr«, grölte Kevin.

»Hey … Leute …«, begann Charlie zaghaft.

»Du bist genauso heftig zusammengezuckt, wie wir alle«, sagte Liam zu Kevin, der daraufhin seine Hand unter die Achsel steckte und Pfurzgeräusche machte.

»Hey Leute!«, versuchte Charlie es erneut und sein Gesicht wurde von Sekunde zu Sekunde bleicher.

»Hör auf damit, du Idiot!« Wütend packte Liam Kevin an seinem Arm, um seine Hand unter seiner Achsel herauszuziehen, als Charlie einen Schritt zurückstolperte.

»Hey Charlie, was ist denn los?«

»Seht doch!« Mit einem Ausdruck des Entsetzens hob er seinen dicken Arm und zeigte zu dem Fenster. Liam und Kevin ließen voneinander los und wandten sich um.

Auf dem Fensterrahmen hing ein Zettel, auf dem in Großbuchstaben geschrieben stand: Willkommen, Kevin, Liam und Charlie!

Anmerkung der Autorin:

Diese Geschichte könnte ich einfach so weiterschreiben, was ich wahrscheinlich jetzt auch tun werde. Doch für meine Challenge reicht diese Länge des Textes.

© Patrizia K. Werner 2019

Alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.