Kreatives Schreiben – Tag 51

Kreatives Schreiben – Tag 51

Die Bücher presste Carlotta fest an ihre Brust und ließ den Kopf hängen, als sie den Flur hinab zu ihrem Spint lief. Sie versuchte, so wenig Angriffsfläche wie nur irgend möglich zu bieten. Doch es half nicht. Eine Schar an Mädchen folgten mit lautem Gekicher und sang dabei: »Carlot … Puh! Die riecht nach Kot!«

Carlottas Wangen glühten vor Scham und Zorn. Trotz aller Mühe, schaffte sie es nicht, die äffende Clique mit ihrer Anführerin Pia zu ignorieren. Weglaufen war auch zwecklos. Nicht nur, dass sie ihr einfach hinterherkommen würden, würde sie zudem Schwäche zeigen. Und dann würde es erst richtig losgehen.

Also unterdrückte sie ihr Schluchzen und senkte den Blick auf den Boden vor ihren Füßen, damit keiner der entgegenkommenden Schüler ihre Tränen sah.

An ihrem Spint angekommen, griff sie hastig nach ihrem Zahlenschloss. Doch ihre Hände zitterten so sehr, dass sie ihre Bücher fallen ließ. Notizzettel, die sie sich zwischen die Seiten geklemmt hatte, verteilten sich auf dem Boden. Panisch bückte sie sich nach ihnen, als Pias Stimme klar und deutlich hervorstach: »Oh, was haben wir denn hier?« Noch mehr Gekicher und Carlotta blickte auf. Pia hatte einen ihrer Zettel aufgehoben und hielt ihn sich vor ihre Stubsnase, als sie begann daraus vorzulesen. »Ich weiß nicht, wieso sie alle nicht einsehen, dass ich einfach anders bin und mich dann in Ruhe lassen? Wenn ich doch bloß Freunde hätte. Dann würde ich nicht allein gegen sie ankämpfen müssen. Sie würden mich mit Sicherheit beschützen. Doch wenn sie erfahren würden, welche Stimmen in meinem Kopf herumschwirren, würden sie mich mit Sicherheit noch mehr auslachen und für verrückt erklären. Ach, wenn diese Stimmen nur …«

»Gib das sofort her!«, brüllte Carlotta und stürzte sich auf Pia, die ihr mit Leichtigkeit auswich und lachte, als Carlotta ins Leere griff. Ihre Schar begann augenblicklich Affengeräusche zu machen und immer mehr Schüler blieben stehen, um sich das Spektakel nicht entgehen zu lassen.

»Du bist ja noch ein viel größerer Freak, als ich dachte«, dröhnte Pia und lachte noch lauter.

»Gib mir meinen Zettel!«, flehte Carlotta.

»Auf keinen Fall!«, erwiderte Pia und wich einem erneuten Versuch Carlottas, ihr das Papier aus der Hand zu reißen, aus. »Ach, wenn diese Stimmen nur endlich still sein würden. Ich werde noch verrückt, wenn ich Pia immer wieder sagen höre, welche Wut sie gegen ihre Eltern hat.« Pia stockte, bevor sie leise weiterlas. »Oder wenn sie anfängt zu planen, wann sie sich von ihrer Clique losreißen kann, um sich …« Sie verstummte gänzlich. Das Blut strömte ihr ins Gesicht. Ihre Ohren glühten, als ob sie Stahlstäbe in einem Brennofen wären. »Woher weißt du das?«, stieß sie entrüstet aus, sprang nach vorne und schubste Carlotta so fest von sich weg, dass diese mit ihrem Hintern auf dem Boden landete.

Jetzt ist es raus, dachte Carlotta und beobachtete starr das Gesicht von Pia. Doch, hatte sie gerade gefragt, woher ich das weiß?

»Na los! Rede!« Pia bekam einen wilden Ausdruck, der nicht nur Carlotta Angst machte. Auch ihre Freunde wichen ihr plötzlich einen Schritt aus. Als ob sie befürchteten, dass sie eine Bombe wäre, die jeden Moment hochgehen könnte.

»Ich …«, stammelte Carlotta. Irgendwas sagte ihr, dass sie jetzt nicht zögern sollte. Doch sie konnte selbst nicht erklären, wie sie das machte.

Anmerkung der Autorin:

Das ist eine Szene, die ich noch aus der Sicht von Pia zeigen will, um diese Sprünge zwischen den Charakteren zu üben. Wer mein Buch »Panteona« schon gelesen hat, weiß nämlich, dass ich dort nur aus der Sicht der Protagonisten schreibe. Hätte ich mich aber schon dort dafür entschieden mehrere Charaktere einzubauen, deren Sicht ich zeige, würde Panteona wahrscheinlich keine Trilogie werden, sondern eine Serie aus mind. zehn Büchern.

© Patrizia K. Werner 2019

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Dies ist eine fiktive Geschichte, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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