Kreatives Schreiben – Tag 54

Kreatives Schreiben – Tag 54

Jemand läutete an der Tür und Georg schreckte auf. Er hatte mit keinem Gast mehr um diese Zeit gerechnet. Ächzend kroch er aus seinem Sessel, stellte seinen Fernseher stumm und schlüpfte unter dem niedrigen Türbogen hindurch. Als er an seinem Spiegel jedoch vorbeikam, der in seinem Flur zur Kellertreppe hing, blieb er abrupt stehen.

»Oh Nein!«, fluchte er, betastete sein Gesicht und sah auf seine Hände runter. Ein dickes, kräuselndes Fell wuchs dort rasend schnell und bedeckte seine bleiche Haut.

Es läutete erneut und er spürte das Adrenalin durch seine Adern pumpen. So, wie er jetzt aussah, konnte er niemandem öffnen.

Geh weg, wer immer du auch bist, dachte er, als es dann unnachgiebig an der Tür klopfte. Er knurrte und erschrak sich für einen Augenblick selbst davor. Nun war es soweit. Seine Stimme war nicht mehr seine. Nur noch ein Hecheln, Knurren oder Bellen würde seine Lippen verlassen.

»Hallo!?«, rief plötzlich jemand und ihre Stimme klang durch den Eingangsbereich und die Kellertreppe hinunter, bis zu ihm vor. Seine nun spitzen Ohren zuckten in die Richtung und seine feine Nase nahm den dezenten Duft eines süßen Parfüms wahr. Er konnte sich dem nicht erwehren. Er musste sehen, wer da so unaufgefordert eintrat.

»Hallo? Ich habe gesehen, dass sie ein Zimmer frei haben.«

Er antwortete nicht und stieg leise die Treppe empor.

Ihre Schritte hallten über den gefliesten Boden und verklangen, als sie das Wohnzimmer betrat, der einzige Raum im Erdgeschoss, der mit einem Teppich versehen war und somit jeden Schritt dämpfte.

»Ich wollte auch nicht lange bleiben. Eine Nacht würde mir reichen. Es ist so ein schlechtes Wetter draußen, man kann kaum fünf Meter weit sehen.«

Georg öffnete leise die Kellertür und steckte die Schnauze hinaus. Würde sie sich jetzt umdrehen, würde sie sein haariges Wolfsgesicht unter der Treppe, die zu den oberen Räumen führte, sehen. Doch sie drehte sich nicht um. Und so konnte er sie beobachten. Sehen wie sie sich nervös durch ihr nasses Haar fasste. Sehen wie sie ihre Taschen abstellte und sich neugierig im Raum umsah.

Leise verfluchte er sich selbst dafür, dass er jetzt nicht zu ihr gehen konnte. Sie würde nur einen Schreck bekommen und schreiend davonlaufen. Bestimmt würde sie ihr Weg dann direkt in die Stadt führen, woraufhin sich einige mit Feuer und Mistgabeln auf dem Weg zu ihm machten.

Um das Ungeheuer zu töten.

Dabei war er kein Ungeheuer. Er war immer noch Georg. Ein Mann in seinen Zwanzigern, der sich zu einem Wolf verwandelte, wenn er nervös oder wütend wurde. Letzteres passierte allerdings sehr selten. Denn entgegen seiner äußeren Erscheinung, die er hin und wieder machte, war er ein sehr friedliebender Mensch.

»Also gut, dann werde ich jetzt wohl wieder gehen«, sagte die Frau und drehte sich etwas, wodurch er ihr Profil erkennen konnte. Sie war jung und sehr attraktiv. Ihre Nase, die etwas spitz zulief und ihre wohlgeformten Lippen gefielen ihm sehr. Am liebsten würde er jetzt in diesem Moment aus seinem Versteck springen, damit sie blieb. Doch entgegen ihrer Aussage, zu gehen, schritt sie tiefer in das Wohnzimmer hinein. Da hinten gab es einen Zugang zur Küche. Vielleicht würde sie sich ja trauen, etwas essen. Und in dem Fall bliebe ihm noch etwas Zeit, sich zu beruhigen und die Verwandlung wieder rückgängig zu machen.

Anmerkung der Autorin:

Das ist nur die Fortsetzung von der Geschichte des Tages davor. Dieses Mal aus der Sicht ihres Gastgebers. Zoe ahnt nicht welch tollen Geschichte sie hier gerade in die Arme läuft. Doch wird sie diese auch schreiben können?

© Patrizia K. Werner 2019

Alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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