Kreatives Schreiben – Tag 56

Kreatives Schreiben – Tag 56

»Verfluchte Scheiße! Der alte Spinner hatte doch recht!«, stieß Vim aus und ließ sich auf den durchgesessenen Sessel hinter sich fallen. Mit der rechten Hand wischte er sich den Schweiß von der Stirn, als er in dem Buch durch die Seiten blätterte. Es war ein handgeschriebenes Tagebuch, versehen mit Graphen und Tabellen. Als er in der ersten Tabelle Anzahl der Toten und Infizierten gelesen hatte, wurde ihm speiübel. Er hatte die Worte des alten Mannes, den er vor Wochen interviewt hatte als die wirren Gedanken eines senilen Greisen abgetan. Doch nun hielt er den Beweis in der Hand. Mit schwarzer Tinte auf weißem Papier für die Zukunft festgehalten.

»Wie kann das nur wahr sein?« Vim strich sich durch seine aschblonden Haare, die ihm in alle Richtungen vom Kopf standen. Eine Stunde hatte gerade mal geschafft zu schlafen, als er um drei Uhr morgens, mit einem schwarzen Tee in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand durch sein Haus getigert war. Dunkle Ringe zeichneten sich unter seinen Augen in seinem bleichen Gesicht ab, das nach einer Rasur schrie. Doch das alles tangierte ihn nicht. Er sah nicht einmal in einen Spiegel. Alles was er nur noch wollte, war seinen Ruf als ernstzunehmender Journalist wiederherzustellen.

Obwohl so ernstzunehmend war er zuvor auch nicht. Immer wieder wurde er für seine wilden Theorien auf seinem eigenen Blog belächelt. Dennoch flogen genug Aufträge für irgendwelche ehrenamtlichen Aktionen, Neueröffnungen oder auch hin und wieder mal für ein Interview rein.

Das alles hatte jedoch schlagartig aufgehört, als er vor etwa drei Wochen auf diesen alten Obdachlosen gestoßen war, der eine Leiche in einem Müllcontainer hinter einem billigen Hotel gefunden hatte. Eine vierundzwanzigjährige Frau, namens Alisia Hellbound. Sie hatte als Assistentin des momentan populärsten Politikers, Greg Saviear, gearbeitet. Das war einen Beitrag auf Seite drei wert und er sollte das Interview dazu von dem Alten machen, der sie auf einer Suche nach etwas Essbarem entdeckt hatte.

Interviews waren etwas Besonderes und Vim hatte nicht lang überlegt, sein Aufnahmegerät eingepackt und war losgefahren. Der Alte hatte schließlich nicht nur von seiner Sauftour und seiner Entdeckung berichtet, er hatte auch gleich ein Motiv geliefert, obwohl noch nicht feststand, dass es Mord gewesen war.

Und genau das wurde Vim zum Verhängnis. Er ahnte bereits, dass es keine gute Idee war, seinen Worten Glauben zu schenken. Doch er liebte Enthüllungen, die verkauften sich einfach gut. Ob sie nun wahr waren oder nicht. Das interessierte kaum einen seiner Leser, solange sie etwas zum Tratschen hatten. Doch dieses Mal hatte Vim dabei der falschen Person ans Bein gepinkelt, die für diese Enthüllung, wahr oder unwahr, ihr Gesicht herhalten musste.

In einem Widerruf wurde Greg Saviears Weste wieder reingewaschen und Vim war seinen Job los.

Leider verdiente Vim mit seinen wilden Spekulationen über den angeblichen schwarzen Untergrund und die Infiltration der Regierung durch bestimmte Bankengruppen und Unternehmen nicht viel. Er konnte damit nur die Verschwörungstheoretiker auf seine Seite ziehen, die ihn ab und zu mit einer Spende unterstützten.

Doch nun hielt er den Beweis in den Händen. Es war nicht gelogen. Alisia muss davon erfahren haben, was Greg und die anderen Politiker längst wussten und zu verheimlichen versuchten. Und für dieses Geheimnis musste sie sterben.

Anmerkung der Autorin:

Viele Unterbrechungen haben dazu geführt, dass ich zum Ende den Faden verloren habe. Ich hoffe man versteht es dennoch.

© Patrizia K. Werner 2019

Alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Schreibe einen Kommentar