Kreatives Schreiben – Tag 57

Kreatives Schreiben – Tag 57

Das sind vermutlich meine letzten Zeilen, die ich hier an euch richte. Bitte glaubt mir, wenn ich euch sage, dass ich das nicht gewollt habe. Wir alle wollten es nicht. Wir wurden hinters Licht geführt und ausgenutzt. Doch das ist keine Entschuldigung. Als man uns mit den fleischfressenden Mikroben beauftragt hatte, hätten wir wissen müssen, dass es nicht zu medizinischen Zwecken war. Ich weiß nicht, ob ich mit meinen Worten hier es irgendetwas wieder gutmachen kann. Aber sicher weiß ich, dass es immer der erste Schritt auf dem richtigen Weg ist, wenn man die Wahrheit sagt. Auch wenn es an unserem Untergang nichts mehr ändern wird.

Da ich seit Wochen nichts mehr von Herald gehört habe, schätze ich, dass die Infektion schließlich sein Gehirn erreicht hat. Dann wird es bei mir also auch nicht mehr so lange dauern. Ich wünschte, es wäre anders. Aber sein Telefon ist tot und in den Krankenhäusern werden schon seit Tagen keine Patientenakten mehr geführt. Weltweit ist das Chaos ausgebrochen und man ist heillos überfordert. In den Berichterstattungen werden statt von neuen infizierten Personen nur noch von infizierten Arealen gesprochen. So weit ist es schon.

Oh Gott, was haben wir nur getan?

Elaine, wenn du das jemals lesen solltest, es tut mir leid. Ich würde gerne sagen, dass ich es verbockt habe. Doch das trifft es bei weitem nicht. Mein Schatz, ich werde nun das einzig Richtige tun. Es wird mit mir zwar kein Ende nehmen, doch dafür kann ich sicher sein, dass ich keinen weiteren infiziere. Sag Lila, dass ich sie liebe.

In der Hoffnung, dass meine Tagebücher in die richtigen Hände gelangen, möchte ich noch eine Sache sagen: Selbstmord ist der einzige Ausweg. Begehe Selbstmord, solange du noch die Kontrolle über dich selbst hast. Denn wenn erst Bichema dein Gehirn erreicht hat, ist es vorbei. Danach wirst du weitere infizieren, ob du willst oder nicht.

Anmerkung der Autorin:

Der Tagebucheintrag eines Wissenschaftlers, um genau zu sein, die letzte Seite davon.

© Patrizia K. Werner 2019

Alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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