Kreatives Schreiben – Tag 58

Kreatives Schreiben – Tag 58

Im Hintergrund spielte ein Violinenkonzert von Bach, als seine Finger einen Draht aus dem offenen Brustkorb des metallenen Korpus lösten. Ohne seinen Blick davon zu lösen griff er routiniert zu einer kleinen Schere und durchschnitt ihn. Dann hob er den Kopf, schob seine Brille hoch, die seinen Nasenrücken heruntergerutscht war, und hielt den Draht skeptisch ins Licht.

»Willst du dich da hinten ewig verstecken?«, fragte er und Milli zuckte zusammen.

Mit erröteten Wangen begann sie von einem Fuß auf den anderen zu treten. »Ich … nun, ich wollte nicht …«, stammelte sie.

»Wenn du schon nicht schlafen kannst, dann kannst du mir auch helfen«, unterbrach sie der alte Mann und lächelte sie liebevoll an.

Milli erwiderte das Lächeln und trat hinter dem Regal hervor, in dem etliche Ersatzteile wie mechanische Arme, Glasaugen, Kabel, Platinen, ja sogar Teile, die wie Herzen aussahen, lagen.

»Komm her und halte das hier mal.« Er reichte ihr das feine Kabel.

Milli hielt ihn stolz vor sich, während ihr Blick immer wieder zu dem geöffneten Korpus wanderte.

»Ihr Herz schlug nicht mehr im gleichen Takt. Dadurch hatte sie immer wieder Aussetzer«, erklärte der alte Mann und seine Brille rutschte ihm wieder die Nase herunter, als er mit einem schmalen Schraubenzieher eine Klappe an dem mechanischen Herzen löste.

Unwillkürlich griff Milli zu ihrem eigenen Herzen, das wie ein kleines Kraftwerk gegen ihre Brust trommelte. »Sehe ich von Innen auch so aus?«

Der alte Mann senkte den Arm, in dem er den Schraubenzieher hielt und sah sie traurig an. »Nein, Milli.« Er legte das Werkzeug beiseite und nahm Millis Hand in seine. »Siehst du das hier?«, fragte er dann und deutete auf eine feine Ader, die sich ihren Handrücken herunterzog und zwischen ihrem Mittel- und Ringfinger verschwand.

Milli nickte.

»Das, was durch deine Adern fließt ist Blut. Menschliches Blut.«

Milli nickte abermals.

»Und dieses Blut wird von einem starken, menschlichen Herzen durch deinen Kreislauf gepumpt«, fuhr er fort.

»Aber es ist nicht mein Herz.« Sie senkte den Blick, weil sie spürte, dass sie den Tränen nahe war.

Der alte Mann seufzte leise und hob ihren Kopf sanft am Kinn an, damit sie ihm in die Augen sah. »Milli, dieses Herz gehörte einst einem tapferen kleinem Mädchen, genau wie du es bist. Sie hätte sicherlich gewollt, dass du es trägst.«

»Woher willst du das wissen?«

Der alte Mann schluckte. »Weil sie meine Tochter war.«

Milli sah ihn fassungslos an.

»Und jetzt bist du meine Tochter.«

Anmerkung der Autorin:

Eine kleine Androidin, die sich selbst und ihre Welt erst noch verstehen lernen muss und ein Mann, der seine Tochter verloren hat und nun einen Ersatz in dem Adroidenmädchen sieht.

© Patrizia K. Werner 2019

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Dies ist eine fiktive Geschichte, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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