Panteona – Das Erwachen – Leseprobe

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AUSSCHNITT AUS KAPITEL 5

Ihr Herz raste vor Angst und ihr Mund wurde trocken, als sie mit krächzender Stimme fragte: »Wer seid ihr und was wollt ihr von mir?« Sie bezweifelte, dass diese Fremden sie verstanden hatten. Denn obwohl sie alle zivilisiert gekleidet waren, wirkten sie wie Wilde mit ihren anmutigen Bewegungen und den starren Blicken, mit denen sie sie fixierten.

»Das Gleiche wollten wir dich auch gerade fragen«, sprach plötzlich der junge Mann auf dem Baumstamm in einem ruhigen und dominanten Ton.

Zu Phians Erstaunen sprach er nicht nur ihre Sprache, sondern tat dies in einem solch deutlichen Tonfall, der sie bezweifeln ließ, ob dies Wilde seien.

Erstaunt und verängstigt von alldem,  was hier gerade geschah, gelang es ihr nicht, ruhig zu bleiben, um in einem beherrschten und furchtlosen Ton zu antworten. Stattdessen brach ihre Stimme immer wieder weg, während der Fremde sie mit einem undruchschaubaren Blick musterte. Doch nun lag etwas Forderndes in seinen Zügen und je länger sie ihn beobachtete, desto mehr hinterließ er den Eindruck, kultiviert zu sein.

Sie spürte ihr Herz gegen ihre Brust trommeln, als sie zögerlich von neuem ansetzte. »Ich bin …«

Doch noch ehe sie ihren Satz beenden konnte, huschte eine hastige Bewegung in ihrem Augenwinkel an ihr vorbei.

Erschrocken wandte sie ihren Kopf in die Richtung, in der sie nun einen weiteren Fremden sah, der zwischen den Sträuchern hervorkroch. Seine tiefschwarzen Augen hatte dieser starr auf sie gerichtet, während er ein dünnes Blasrohr an seine wulstigen Lippen ansetzte.

Phian war starr vor Angst. Unfähig der Situation zu entkommen, hob sie die Hand zu ihrem Schutz, als der Fremde auf dem Baumstamm etwas in einer für sie unbekannten Sprache schrie und mit einem Satz auf seinen Verbündeten mit dem Blasrohr zusprang.

Aber es war zu spät.

Der Fremde hatte den Pfeil auf seinen Weg durch den hölzernen Zylinder geschickt und Phian in den gesunden, linken Arm getroffen.

Sofort durchzog sie ein brennendet Schmerz, als ob sich heißes, flüssiges Feuer durch ihren Arm hindurch, hoch zu ihren Schultern und von dort über ihren gesamten Körper rasch verteilen würde. So dauerte es nicht einmal eine Sekunde, bis sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Sie taumelte und das Bild weiterer Fremder, die nun allesamt aus dem scheinbar undurchdringlichen Gestrüpp hervortraten, begann vor ihren Augen zu zerfließen.

Angsterfüllt hob Phian ihre Hände und streckte die Arme aus, um sich vor ihren Angreifern zu schützen, deren plötzlich aufgebrachte  Stimmen sich verzerrten.

Unaufhaltsam kamen sie ihr dabei näher und schlossen sie in ihrer Mitte ein.

Panisch versuchte Phian sich mit aller Kraft, gegen das glühende Gift zu wehren, das sich immer weiter in ihrem Körper ausbreitete und ihr allmählich die Kraft aus den Gliedern raubte. Schließlich gaben ihre Beine unter ihr nach und sie fiel seitlich auf den moosbedeckten, feuchten Boden. Der Duft nasser Erde stieg ihr in die Nase, während die Feuchtigkeit des kalten Untergrunds den dünnen Stoff ihrer Kleidung durchdrang und sie die Kälte auf ihrer Haut spürte, über die sich sofort eine Gänsehaut zog. Trotzdem empfand sie die Kälte als einen wahren Segen gegen das brennende Gefühl in ihren Adern.

Nach und nach wurde alles dunkler, bis sich kein Schatten mehr vor ihren Augen regte. Phian konnte nur noch die Vibration von schweren Schritten spüren, die sich stürmisch über den Waldboden auf sie zubewegten. Sie versuchte den Kopf zu heben und die Augen zu öffnen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr, obwohl sich ihr Geist noch gegen das Gift wehrte. Als die Schritte direkt vor ihr erstarben, kämpfte sie vergebens um Worte. Doch es drang nur ein Krächzen zwischen ihren Lippen hervor.

Schwer nach Luft schnappend merkte Phian dann, wie ihr Körper den Boden verließ. Kurz darauf vernahm sie eine sanfte, tiefe Stimme, die in ihr Ohr flüsterte: »Keine Sorge. Das Mittel wirkt nicht lange und abgesehen von ein paar Kopfschmerzen wird es dir so gut gehen, wie zuvor.«

Sie erkannte die Stimme als die des Fremden, der sie angesprochen hatte. Er hat mich schützen wollen. Er wollte nicht, dass der andere mich angreift. Nun trug er sie in seinen Armen, stützte ihren Kopf vorsichtig gegen seine Schulter und sprach beruhigend auf sie ein. Obwohl es die Worte eines Fremden waren, vertraute sie ihnen. Und auf unerklärliche Weise, die ihr Verstand nicht fassen konnte, fühlte sie sich zum ersten Mal sein langem wieder sicher. 

Und so ergab sie sich dem Gift und eine tiefe Stille sog sie sanft in sich hinein.

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